„Bei Beteiligung gewinnen alle!“

Ein Gespräch mit Helga Thomé

Für Kinder und Jugendliche ist die Nutzung digitaler Medien heute ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Alltags. Sie erlernen den Umgang mit den neuen Technologien in einem rasanten Tempo und wir Erwachsenen kommen da manchmal kaum noch hinterher. Was bedeutet diese Entwicklung für das traditionelle Verständnis von Lernen und Lehren?

Die Vermittlung von Inhalten und Fertigkeiten rund um den Erwerb medialer Kompetenzen ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil von Bildungsprozessen und sollte sogar noch weiter intensiviert werden. Denn nicht alle Kinder und Jugendlichen erlernen den Umgang mit Medien in ihrem Elternhaus. Und neben der Fähigkeit, Medien anwenden zu können, sind auch Themen wie Sicherheit im Netz oder digitale Ethik wichtig. Fachkompetenz ist also nach wie vor gefragt – und dafür gibt es ja auch medienpädagogische Einrichtungen, die Pädagoginnen und Pädagogen an Schulen und in Horten unterstützen. Dennoch hat sich in der Welt des Lernens, gerade auch im Themenbereich Medien, vieles verändert.

Welche Bedeutung spielt Partizipation gerade auch in den Bildungsprozessen, in denen mediale Fähigkeiten im Zentrum stehen?

Stand lange Zeit die Mediennutzung im Fokus der pädagogischen Arbeit, ist heute der aktive Umgang damit ins Zentrum gerückt. Das beinhaltet das Wissen um die vielfältigen medialen Gestaltungsmöglichkeiten ebenso wie das Ausprobieren unterschiedlicher medialer Tools – von Film und Foto über Programmieren und Roboting bis zum Making. Dieses Verständnis korrespondiert mit einer veränderten Haltung der Lehrenden. Frontalunterricht ist zwar immer noch Bestandteil in den Klassenzimmern, doch wissen wir heute, dass aktive Lernformen erforderlich sind, um intensives Lernen zu ermöglichen und Kompetenzen bei den Kindern und Jugendlichen auf- und auszubauen. Der Erfolg von Bildungsprozessen wird heute an den Fähigkeiten gemessen, die Kinder und Jugendlichen am Ende entwickelt haben. Eine aktive Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sollte von daher heute ein selbstverständlicher Bestandteil von Bildungsprozessen sein. Und gerade im Bereich der neuen Medien liegt ein enormes Potenzial, dieses Bildungsverständnis umzusetzen.

Sie spielen vermutlich auf handlungsorientiertes und entdeckendes Lernen an. Konzepte, die inzwischen ebenso in die Bildungsarbeit eingeflossen sind wir das projektorientierte Lernen.

Genau, wie schon gesagt, sind Kinder und Jugendliche den Erwachsenen in Sachen Medien oft weit voraus. Diese Tatsache bietet ein großes Potenzial für die aktive Einbeziehung der jungen Menschen. Wir können die Rollen tauschen: Nicht Erwachsene zeigen den Kindern und Jugendlichen wie mit medialen Tools gearbeitet wird, sondern diese zeigen es den Erwachsenen. So wird eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht. Und damit machen die jungen Menschen die Erfahrung, dass sie wichtig sind und etwas zu sagen haben. Das stärkt ihr Selbstvertrauen enorm und fördert die Entwicklung ihrer sozialen und kommunikativen Kompetenzen. Dieses Lehr- und Lernverständnis beinhaltet auch für die Erwachsenen spezifische Haltungen und Kompetenzen. Auch wir müssen unsere pädagogische Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen kritisch hinterfragen und unser Rollenverständnis reflektieren. Partizipation bedeutet für Pädagogen, sichere und gewohnte Verhaltensbereiche zu verlassen und neue und ungewohnte Wege zu gehen. Auch das muss systematisch erlernt werden und braucht Unterstützung und Begleitung.

Verändert sich damit nicht die Aufgabe von Schule? Beißen sich Mitbestimmung und Schule nicht?

Schauen wir uns die Herausforderungen dieser Tage an, dann ist die Beteiligung junger Menschen wichtiger denn je. Dieses muss natürlich in ein Gesamtkonzept des Lernens von demokratischen Prozessen und Haltungen eingebettet sein. Beteiligung, Mitbestimmung und Demokratie lernt man nicht in der Theorie, sondern im tagtäglichen Leben, im Umgang miteinander. Indem man gehört wird, seine Meinung einbringen und mitgestalten kann. Das bedeutet zum Beispiel sich zu trauen, seine Meinung zu äußern und Initiative zu ergreifen. So lernen Menschen, dass sie selber wirksam werden können und so lernen sie Fundamente demokratischen Handelns.

Mitbestimmung ernst zu nehmen und nicht nur als Alibi zu nutzen bedeutet auch, im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention zu handeln. Artikel 12 dieser Konvention besagt, dass der Kindeswille angemessen und entsprechend des Alters Berücksichtigung finden soll. Deutschland hat diese Konvention bereits 1992 ratifiziert und die Mitbestimmung in der Schule ist eine konsequente Umsetzung der Konvention.

Bedeutet das, Schule so zu machen, wie Kinder sich das wünschen?

Absolut nicht! Zum Demokratie-Lernen gehört natürlich auch dazu auszuhalten, dass es unterschiedliche Meinungen und Haltungen gibt. Immer wieder sind Aushandlungsprozesse erforderlich, in denen kommunikative und soziale Fähigkeiten gefordert sind. Diese Prozesse sind von den Pädagogen im Rahmen des schulischen Alltags zu initiieren und zu begleiten. Beteiligung ist kein Selbstläufer. Kinder und Jugendliche erlernen so, eigene Standpunkte zu entwickeln und zu vertreten und sich selbst besser einzuschätzen. Das ist nicht immer einfach und gegebenenfalls entscheide sich auch jemand für den bequemeren Weg und sagt lieber nichts. Auch das ist dann okay, sollte aber reflektiert werden. Und das gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche. Die Pädagoginnen und Pädagogen müssen gleichermaßen diesen Weg gehen und die Institution Schule oder den Jugendclub als einen Ort sehen, der von allen mitgestaltet wird. Denn wer sich selber nicht beteiligen kann oder will, wird auch Kinder und Jugendliche nicht beteiligen können. Aus dieser Erfahrung hat sich im Laufe der Zeit meine feste Überzeugung entwickelt, dass Beteiligung für alle ein Gewinn ist!

Helga Thomé, Mitbestimmungs-Unterstützerin von 2007 bis 2016 in der Bürgerstiftung Barnim Uckermark. Ihre Erfahrung in dem Projekt „Kinderrechte in der Kommune“ hat sie darin bestärkt, Projekte mit den Kindern statt für Kinder zu machen.

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